Monday, September 6, 2010

Am Geld gesundet die Welt

Immobilienkrise, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Schuldenkrise - einen positiven Effekt hatten die Dramen der vergangen Jahre: Jetzt beschäftigen sich auch jene mit Gelddingen, die sich dafür bislang nicht interessierten. Leider zu spät. Etwas mehr Know-how hätte den Absturz vielleicht verhindert.

Vor ein paar Monaten fragte mich meine Freundin Isabel nach einem Grillfest, ob ich eigentlich an die Inflation glaubte. Es klang so, als hätte sie jemanden mit einer ihr fremden Religion kennengelernt und wollte nun wissen, was davon zu halten sei.

Wir standen in ihrer Küche, um die letzten Gläser abzutrocknen, Deutschland hatte gerade gegen England im Achtelfinale gewonnen, ich hätte in diesem Augenblick alle möglichen Fragen erwartet, aber sicher keine zur drohenden Geldentwertung. Außerdem kommt meine Freundin aus der Kulturszene, da interessiert man sich für Finanzdinge nur, wenn plötzlich die Subventionen ausbleiben. Also fragte ich erst einmal zurück, warum sie sich denn jetzt um Himmels willen Gedanken über eine Inflation mache.
Ein Bekannter habe sie zu einem Vortrag mit George Soros an der Berliner Humboldt-Uni mitgenommen, sagte Isabel. Sie verstehe ja nicht viel von solchen Dingen, aber der Investor habe das Publikum vor einer schweren Rezession gewarnt, verheerender noch als die letzte, weil diese mit einer verhängnisvollen Deflation verbunden sei. So wie sie es verstanden habe, bleibe uns nur die Möglichkeit, ganz schnell ganz viele Schulden zu machen, um das Schlimmste abzuwenden. Mein erster Gedanke an eine religiöse Begegnung war also gar nicht so falsch, wie sich herausstellte.

Muss man sich vor Deflation mehr fürchten als vor Inflation?

Man mag von Soros halten, was man will. Ich persönlich finde es eher kurios, wenn Leute Empfehlungen zur Währungsstabilität geben, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, diese zu erschüttern. Von Spekulationsgeschäften versteht der Milliardär etwas, keine Frage, dafür spricht schon die Tatsache, dass er seine Quantum Fonds außerhalb der US-Finanzkontrolle in Offshore-Paradiesen wie den Niederländischen Antillen angesiedelt hat. Genau dieser Umstand wäre für mich aber auch Grund genug, seinen politischen Ratschlägen zu misstrauen. Trotzdem bemühte ich mich, Isabels Frage ernst zu nehmen.

Ob man sich mehr vor einer Deflation oder einer Inflation fürchten muss, ist nicht so einfach zu sagen. Bei einer Deflation sinken die Preise, was zunächst wenig beängstigend klingt. Aber weil die Leute darauf setzen, dass im nächsten Monat alles noch billiger wird, schieben sie größere Einkäufe auf, was der Wirtschaft gar nicht gut bekommt. Bald sinken überall die Einkommen, worauf alle sparen müssen, die Folge sind Massenentlassungen und weitere Sparrunden, theoretisch ist diese Deflationsspirale unendlich.

Die Inflation wiederum verbinden die Deutschen bis heute mit der größten Krise, die das Land heimgesucht hat: Wenn eine Schachtel Zigaretten so viel kostet wie eben noch ein ganzes Haus, dann ist irgendwann die ganze Welt aus den Fugen. Ich glaube dennoch, wir werden um ein wenig Inflation nicht herumkommen. Die schleichende Geldentwertung ist der einzige Weg, die enormen Schulden- und Pensionslasten zu bewältigen, die auf die öffentlichen Haushalte drücken. Hoffen wir nur, dass die Inflation nicht außer Kontrolle gerät, das nennt man dann Hyperinflation und endet in der Regel mit einem Währungsschnitt.

Viele haben mehr Ahnung vom Gazastreifen als von der eigenen Rente

Die meisten Menschen sind erstaunlich unsicher, wie sie ökonomische Tatbestände bewerten sollen, dabei müssen sie im Alltag häufig sehr viel kompliziertere Dinge beurteilen. Viele treffen regelmäßig Entscheidungen und haben Berufe, die eine lange und gründliche Ausbildung voraussetzen, aber wenn das Gespräch auf die Grundlagen unseres Wirtschaftsgeschehens kommt, müssen sie passen. Vielen fällt es leichter, die Situation im Gazastreifen zu beurteilen als den Stand ihrer Rente.
Die wenigsten würden bestreiten, dass es durchaus von Vorteil wäre, sie wüssten besser Bescheid, wie der Kapitalismus eigentlich funktioniert. Beinahe täglich werden sie mit Nachrichten konfrontiert, die sie nicht wirklich beurteilen können, die aber für ihre Zukunft und die ihrer Kinder enorme Bedeutung haben.

Ob es richtig oder falsch war, für die Rettung des Euro ein Mehrfaches des Bundeshaushalts einzusetzen, ist so eine Frage, über die viele gern mehr Klarheit hätten. War es wirklich notwendig, die Schuldverpflichtungen in der Finanzkrise in solche Höhen zu treiben, dass noch die Generation der Enkel und Urenkel die Zinsen dafür zahlen müssen? Wie weit lassen sich Steuersätze heben oder senken, ohne dass die Leistungsfähigkeit des Landes leidet? Was ist eigentlich an der Behauptung dran, der zufolge die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht?

2. Teil: Dumm nur, dass die Volksvertreter kaum mehr wissen als brave Sparer

Eine Folge der Finanzkrise ist sicher, dass sich nun auch Menschen mit wirtschaftlichen Zusammenhängen beschäftigen, die sich dafür vorher nicht besonders interessierten. Wenn die Krise eines gelehrt hat, dann wie abhängig jeder von Entscheidungen ist, die in irgendwelchen Handelsräumen in New York, London oder Tokio getroffen werden. Es sind mächtige Kräfte, die da draußen wirken, unheimlich wie alles, was sich zunächst der Erklärung entzieht.

Dass auch viele Volksvertreter, die das Land vor größerer Unbill schützen sollen, kaum mehr wissen als die braven Sparer, macht die Sache nicht besser. Vermutlich wäre uns sogar einiges erspart geblieben, wenn die gesetzgeberische Aufsicht der Finanzmärkte nicht in den Händen von Leuten gelegen hätte, die bis vor kurzem noch Mühe hatten, den Unterschied zwischen "call" und "put" zu erklären, beziehungsweise Letzteres für einen Fachbegriff aus der Golfsprache hielten.

Die allgemeine Unkenntnis hat auch Vorteile, jedenfalls für diejenigen, die sich auskennen. Zur Politik hat jeder eine Meinung, auch weil jeder sich eine zutraut, das ist wie im Sport. Bei einer Diskussion zu einem Wirtschaftsthema muss man nur ein paar Worte über die Außenhandelsbilanz fallenlassen, und schon zieht sich der unkundige Gesprächspartner erschreckt zurück.

Ich arbeite jetzt seit über zwölf Jahren mit ein paar Unterbrechungen im Wirtschaftsressort des SPIEGEL; eigentlich habe ich Philosophie und Literatur studiert, aber schon die Position als Wirtschaftsredakteur lässt alle offenkundig darüber hinwegsehen, dass ich nicht vom Fach bin. Ich habe viele hitzige Diskussionen erlebt, noch die scheinbar nichtigsten Ereignisse können unter Journalisten zu erregten Auseinandersetzungen führen. Aber ich kann mich an keine Debatte erinnern, in der sich jemand wegen seiner Haltung zur jüngsten Zinsentscheidung der Zentralbanken rechtfertigen musste. Oder wegen der Kritik an den neuen Bankenregeln.

Ökonomie galt nie als exakte Wissenschaft, eher als intellektuelle Übung

Ich muss gestehen, dass ich die nähere Beschäftigung mit Wirtschaftstheorien immer faszinierend fand, das liegt sicher auch an dem spielerischen Charakter des Ganzen. Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften war aus gutem Grund der letzte, der in Stockholm ins Leben gerufen wurde. Ökonomie galt nie als exakte Wissenschaft, eher als intellektuelle Übung, die in scheinbar naturwüchsig sich vollziehenden Prozessen wie einer Börsenpanik Gesetzmäßigkeiten zu erkennen sucht, aus denen sich für die Zukunft etwas lernen lässt.

Der Begründer der Nationalökonomie, der Schotte Adam Smith, war Philosoph, ein Fach, das sich von alters her mit den Beweggründen menschlichen Handelns auseinandergesetzt hat. Auch die Wirtschaftswissenschaft ist zunächst Lehre vom Menschen oder genauer: Untersuchung der menschlichen Antriebe, die ihn dazu bringen, sich ökonomisch, und das hieß schon für Smith: im wohlverstandenen Eigeninteresse, zu verhalten. Diese Nüchternheit macht die wirtschaftliche Betrachtung allerdings auch bei allen, die sich ihre romantischen Vorstellungen von der prinzipiellen Güte des Einzelnen erhalten wollen, so suspekt.

Der Homo oeconomicus ist leider für jede ideale Wirtschaftsordnung ungeeignet. Politik, die auf die Fähigkeit des Einzelnen zum Maßhalten aus Einsicht setzt, muss schnell feststellen, dass Selbstbescheidung nicht die erste Tugend des Menschen ist. Natürlich ist es für das Gesundheitssystem nützlich und wünschenswert, wenn die Versicherten nicht wegen jedes Zipperleins zum Arzt rennen, nur weil sie der Mehrbesuch nichts kostet - das hält viele Patienten aber nicht davon ab, sich auch dann ins Wartezimmer zu setzen, wenn sie einfach nichts Besseres zu tun haben.

Manchmal bewirkt das Gutgemeinte sogar das Gegenteil von dem, was geplant ist. Vor gar nicht so langer Zeit hat sich die schwarz-gelbe Regierung auf die Einführung eines Betreuungsgeldes für all diejenigen geeinigt, die ihre Kinder lieber zu Hause erziehen, als sie in einen staatlichen Hort zu geben. Gedacht war die Zuwendung für die Hausfrau, die bei der Familienförderung bisher leer ausgegangen war. Allerdings dürfen sich auch ganz viele Familien dafür bewerben, bei denen der Staat großes Interesse daran hat, dass die Kinder möglichst früh in eine vernünftige Umgebung kommen, alle Hartz-IV-Empfänger zum Beispiel, die mit der Erziehung überfordert sind. Die Leute müssen ja nur nachrechnen: Die kostenlose Kita-Erziehung bringt ihnen weniger als die neue Alimentation.

3. Teil: Die Leistungsbilanz des Kapitalismus ist eigentlich ganz in Ordnung

Es drängt sich die Frage auf, woran es liegen mag, dass eine Nation, die immer stolz auf ihre Wirtschaft war, über eine Reihe wirtschaftlicher Grundsätze eher vage unterrichtet ist. Man sollte vermuten, dass in einem Land, das so stark wie wenige von dem Export seiner Güter abhängt, schon im Kindergarten ein Interesse an ökonomischen Sachverhalten geweckt wird, auf jeden Fall aber in der Schule, die ja das intellektuelle Rüstzeug fürs spätere Leben bereitstellt.

Das genaue Gegenteil ist der Fall. Für alles ist in der Schule Platz, für das Chruschtschow-Ultimatum, Max Frischs Dramen, das Liebesleben der Schnecken und die physikalischen Eigenschaften von Schwingungen - nur für so etwas Simples wie Angebot und Nachfrage bleibt keine Zeit. Tatsächlich kann heute ein Gymnasiast in Deutschland mühelos Abitur machen, ohne jemals auch nur von Joseph Schumpeter, John Maynard Keynes oder Milton Friedman gehört zu haben, die mit ihren Theorien bis heute die Wirtschaftspolitik bestimmen.

Man kann das für eine Nachlässigkeit halten, eine Unaufmerksamkeit der mit den Lehrplänen befassten Schulplaner. Man kann aber auch Absicht dahinter vermuten, eine bewusste Ausgrenzung der Ökonomie vom schönen Schulort, die aus einer gewissen Arroganz gegenüber allen Gelddingen entspringt. Die Vermehrung von Kapital galt in kulturnahen Kreisen noch nie als ein Topos, über das es sich mehr zu erfahren lohnte.

Die Verteidiger des Kapitalismus kann man an einer Hand abzählen

Zu meiner Schulzeit war man nicht nur stolz darauf, nichts über die Marktwirtschaft zu wissen, das demonstrative Nichtwissen war eine Haltung, gegen die sich nur unter Inkaufnahme allgemeiner Verachtung verstoßen ließ. Wer zu erkennen gab, dass er sich für Geld interessierte, gar an eine Karriere in der Wirtschaft dachte, hatte sich als Spießer enttarnt, ja als jemand, dem jeder moralische Kompass abhandengekommen war. Ich habe 1982 Abitur gemacht, als ich aufs Gymnasium kam, tauchten die ersten Achtundsechziger gerade als Referendare auf, aber ich fürchte, was die Behandlung des Kapitalismus im Schulalltag angeht, hat sich nicht viel geändert.

Schon ein Elternhaus, in dem jemand sein Geld als Selbständiger verdiente, reichte aus, um einen verdächtig zu machen. Dieser Makel ließ sich nur durch radikale Distanzierung tilgen - weshalb die flammendsten Anhänger der sozialistischen Utopie aus eher begüterten Verhältnissen stammten. Doch was blieb den armen Kerlen, die einen Unternehmer als Vater hatten, anderes übrig? Unternehmer waren an allem schuld, am sauren Regen und am Waldsterben, am Ozonloch, dem Gift in den Flüssen, am Hunger in Afrika - und, weil wir schon mal dabei waren, auch an der Aids-Katastrophe und der Überbevölkerung. Hinter jedem Übel steckte irgendwo ein Kapitalist, der den lieben langen Tag über die Profitmaximierung nachsann.

An der Leistungsbilanz des Kapitalismus kann es nicht liegen, dass er in so schlechtem Ansehen steht. Kein Wirtschaftssystem hat mehr gegen Armut und Hunger getan, vor allem die vielgeschmähte Globalisierung hat sich für Millionen als Segen erwiesen und ihr Los spürbar gebessert. 1820 lebten nach heutiger Kaufkraft 85 Prozent der Weltbevölkerung von weniger als einem Dollar am Tag, heute sind es nur noch 20 Prozent. Der Soziologe Peter Saunders hat darauf hingewiesen, dass am Ende des 20. Jahrhunderts die Lebenserwartung in den ärmsten Ländern 15 Jahre mehr betrug als die durchschnittliche Lebenserwartung zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts im damals reichsten Land der Welt, in Großbritannien. Aber es hilft nichts - wenn der Kapitalismus zur Debatte steht, kann man seine Verteidiger an einer Hand abzählen.

Müßiggang ist auf Dauer nicht besonders nachhaltig

Bill Gates mag Milliarden pro Jahr zur Bekämpfung von Krankheiten wie Aids und Malaria spenden und damit mutmaßlich mehr zur Linderung der weltweiten Not getan haben als alle arabischen Öl-Emirate zusammen, aber auf den T-Shirts der Jugend prangt der Kopf von Ernesto Che Guevara, dessen Beitrag zur Armutsbekämpfung wilde Reden, eine romantische Motorradfahrt durch Südamerika und ein gescheiterter Umsturzversuch im bolivianischen Urwald sind, bei dem er zum Zeitvertreib gern am frühen Nachmittag ein paar Scheinexekutionen vornehmen ließ.

Manchmal denke ich, dass wir uns schon aus wohlverstandenem Eigeninteresse mehr wirtschaftliche Erziehung wünschen sollten. Es gibt nicht viele Industrienationen, in denen es nicht mehr überall selbstverständlich ist, dass die Zahl der Leistungserbringer die der Leistungsempfänger übersteigen sollte. Nehmen wir nur Berlin, Hauptstadt des Landes: Nur 40 Prozent der Einwohner gehen dort noch einer geregelten Arbeit nach, die anderen sind zu jung, zu alt oder an anderem interessiert.

Freunde aus dem Ausland sind regelmäßig verblüfft, dass man an einem normalen Werktag morgens um 11 Uhr in kaum einem Straßencafé noch einen Platz bekommt. Sie vermuten im ersten Moment, dass viele Berliner um diese Zeit eine Mittagspause einlegen, weil sie so früh zu arbeiten beginnen. Ich muss sie dann regelmäßig aufklären, dass es sich um Frühstücksgäste handelt, die gerade das Haus verlassen haben.

Es ist eine schöne Sache, wenn die Menschen ihre Zeit mit Müßiggang verbringen. Ich fürchte nur, dass diese Lebensweise auf Dauer nicht besonders nachhaltig ist. Aber auch das gehört vermutlich zu der kalten ökonomischen Vernunft, von der man lieber verschont bleibt.

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